Klettern in Rumänien: Rimetea

Rimetea

Rumänien hat eine atemberaubende Natur und wird zu weiten Teilen von den Karpaten beherrscht. Da muss man einfach klettern können! Grund genug für uns, hinzufahren und uns die Kletterei genauer anzusehen. Unsere erste Kletterstation führt uns nach Rimetea.

Kleiner Ort, großer Berg

Rimetea ist ein kleines Dorf mit nur knapp 1.000 Einwohnern. Es liegt zwar in Siebenbürgern, wo sich in grauer Vorzeit viele deutschsprachige Menschen niedergelassen haben. Geprägt ist der Ort aber von der ungarischen Minderheit, den Szeklern, die ebenfalls in Rumänien lebt. Denn Rumänien ist ein Vielvölkerstaat – einer der 5 Gründe, warum es sich lohnt, nach Rumänien zu fahren.

Historische Höfe in Rimetea
Historische Höfe in Rimetea © Outdoortraum

Torockó oder Eisenburg, wie Rimetea auf Ungarisch oder Deutsch auch genannt wird, ist bekannt, weil fast der gesamte Ort unter Denkmalschutz steht. Historische Höfe aus verschiedenen Jahrhunderten reihen sich aneinander. Beim Schlendern durch die buckligen Kopfsteinpflastergassen fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. Die Bauern am Dorfrand sensen ihr Heu noch mit der Hand und fahren die Ernte mit dem Handkarren ein. Für mich ein malerisches Bild, für die Menschen Knochenarbeit.

Doch genau aus diesem Grund kommen einige Touristen – meist aus Ungarn – hierher, um das idyllische Dorf mitten im Naturschutzgebiet zu bewundern. Rimetea liegt wie hingegossen vor dem großen Berg im Hintergrund, der über seine Menschen zu wachen scheint. Stolz erhebt sich der Piatra Secuiului (Deutsch: Szeklerstein). Und genau da wollen wir rauf.

Blick auf Rimetea
Blick auf Rimetea vom Piatra Secuiului © Outdoortraum

Klettern? Wieso klettern?

Wir haben uns vor der Abreise nämlich informiert und in Erfahrung gebracht, dass in Rimetea alljährlich ein Kletterfestival stattfindet – die Rimetea Climbing Open. Tatsächlich sehen wir auch noch alte Plakate. Bei unserer Ankunft im Juli ist aber schon alles vorbei. Nicht schlimm. Wir spekulieren auf die vielen Routen im Fels, die bei solchen Festivals für die Gäste eingerichtet werden. Und bestimmt hat sich der Ort als Kletterspot etabliert. Da können wir dann mit Einheimischen loslegen!

Das stellt sich aber schnell als Illusion heraus. Im Ort weiß keiner etwas vom Klettern. In der Touristeninfo drücken sie uns auf Nachfrage eine Wanderkarte in die Hand. Das macht man hier am Berg: Wandern, nicht klettern.

Rimetea auf eigene Faust

Dank Internet und dem leider ziemlich schlechten Klettertopo wissen wir aber, dass man hier klettern kann. Also ziehen wir auf eigene Faust los. Wir kämpfen uns mit allem Gepäck den ziemlich steilen Berg hoch und steuern die Wände an, die in unseren Augen einfach beklettert werden müssen. Wir schlittern über Schuttfelder, rutschen Holperpisten entlang und bahnen uns unseren Weg durch hüfthohe Brennnesselfelder. Immer auf der Suche nach einem in der Sonne blitzenden Bohrhaken oder einem Routennamen am Fels.

durch die Brennnesseln
Durch die Brennnesseln, an Giftschlangen vorbei … © Outdoortraum

Schließlich werden wir fündig. Kein Routenname, aber eindeutig Bohrhaken. Der Topo weiß zwar von nichts, aber die Tour sieht machbar aus. Also steigen wir ein. Die Zuversicht ist wieder da. Hurra, wir sind in ein Seil eingebunden und klettern endlich in Rumänien!

Der kurz entflammte Enthusiasmus fällt aber binnen Minuten in sich zusammen. Der Fels ist noch überhaupt nicht abgeklettert. Die Reibung ist schlecht, weil noch überall Sand und Staub auf der Wand liegen. Schlimmer noch: Beim Klettern halten wir plötzlich den einen oder anderen Griff in der Hand, weil die brüchigen Felsstücke noch nicht entfernt wurden. Wir bleiben trotzdem dran, immerhin klettern wir ja weit unter unserem Limit. Was soll da schon passieren? So ermuntern wir uns, bis Frank im Vorstieg an eine dann doch nicht zu unterschätzende Krux gelangt. Bei eben beschriebener Felsqualität soll er in Grounder-Höhe einen ziemlich wackligen Zug gegen die offene Tür machen. Der Haken? Glänzt weit über ihm, drei Züge entfernt. Frank beißt die Zähne zusammen und macht den Zug. An einer abschüssigen Mikroleiste kann er weiterschnappen, hat etwas leidlich Gutes in der Hand und kann den Fuß höher setzen. Weitergegriffen – die Passage ist überstanden und er kann klippen.

Wir sind beide erleichtert, haben aber für den Tag genug geklettert. Wir packen ein und sagen uns, dass der Sektor ja ohnehin nicht im Topo steht. Weiter oben am Berg, da muss es besser sein.

Neuer Tag, neue Demut

Am nächsten Tag ziehen wir wieder los, die Gipfelregion im Visier. Inzwischen haben wir uns im Ort schlaugemacht. Übers Klettern wissen wir zwar nicht mehr, dafür kenne ich jetzt aber fünf giftige Schlangenarten, die hier zu Hause sind. Prima!

Anstieg auf den Piatra Secuiului
Anstieg auf den Piatra Secuiului © Outdoortraum

Mit diesem Wissen kämpfe ich mich ziemlich unentspannt durch das Gebüsch, denn Trampelpfade oder Wegweiser zu Kletterspots sind auch heute Fehlanzeige. Wir haben uns aber eine Bergflanke ausgeguckt, an der wir ein paar vielversprechende Sektoren vermuten.

Und richtig: Vor uns hatten Leute schon die Idee, hier zu klettern. Wir finden einige Linien in diversen Schwierigkeitsgraden. Für den Fels gilt leider das Gleiche wie gestern: wenig abgeklettert, deshalb noch staubig-rutschig und zum Teil brüchig. Hier oben kommt an manchen Stellen noch ein wenig Feuchtigkeit dazu, von der lassen wir uns aber nicht einschüchtern.

Felswand über Rimetea
Felswand über Rimetea © Outdoortraum

Beim Klettern merken wir, dass auch hier die Haken mitunter etwas merkwürdig gesetzt sind. Es wirkt, als seien die Routen nicht von unten beim Besteigen eingebohrt worden, sondern von oben. Die Haken sind oft nicht an der Krux eingebohrt, sondern immer genau einen Tick zu hoch. Außerdem müssen wir des Öfteren die Linie fast verlassen, um zu klippen. Wir erklären uns das mit den Festivalrouten, die ja oft in kurzer Zeit schnell eingebohrt werden müssen. Da bleiben solche Feinheiten vielleicht mal auf der Strecke.

Nach ein paar Routen fühlen wir uns abgekämpft und mental völlig ausgelutscht. Wir finden keinen der angegebenen Sektoren, die Sonne brennt, weil die Ausrichtung der Wand nicht Nord ist, wie der Topo behauptet, sondern Süd. Überall wachsen Brennnesseln und darin lauern Giftschlangen. Ein Routenname bringt unsere Verfassung auf den Punkt: Fraktura de Ego. Wir gehen nach Hause in unseren Camper.

Fraktura di ego © Frank Rindermann

Klettern Flop, Rimetea top!

Das Klettern in Rimetea hat für uns ein bisschen gefloppt. Wir haben das starke Gefühl, noch mehr Infos zu benötigen, da wir uns ohne vor Ort nicht zurechtfinden können. Der Topo von Gerald Krug, erschienen im Geoquest-Verlag, ist leider der einzige in Deutschland erhältliche Kletterführer und ziemlich schlecht recherchiert. Wir mussten das auch in anderen Klettergebieten im Land immer wieder feststellen. Für das nächste Mal nehmen wir uns vor, noch mehr Infos im Internet zu sammeln. Denn, obwohl die Kletterei nicht so geklappt hat, wie wir es uns erträumt haben, ist für uns klar: Es wird ein nächstes Mal geben! Den der Fels ist grundsätzlich toll, wenn er erst einmal abgeklettert ist. Und die Natur ist wunderschön. Und Rimetea ist ein Kleinod! Das wollen wir alles noch einmal unter besseren Vorzeichen sehen!

Für dieses Mal aber packen wir unsere sieben Klettersachen und ziehen weiter klettern durch Rumänien. Nächste Station: die Turda-Schlucht. Wie es uns dort ergangen ist, könnt ihr demnächst hier nachlesen.

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5 Gründe, nach Rumänien zu fahren

Donaudelta

Als wir beschlossen, nach Rumänien zu reisen, ernteten wir ungläubige Blicke. Es folgten Fragen: „Wieso denn nach Rumänien?“, „Was wollt ihr denn da?“, „Habt ihr keine Angst, dass ihr überfallen werdet, euer Auto geklaut wird, vom Bären angegriffen werdet?“ Die häufigste Reaktion war also Unverständnis. Schade eigentlich, denn Rumänien ist ein fantastisches Reiseland und hat viel zu bieten. Deshalb hier meine fünf Hauptgründe, warum es sich lohnt, nach Rumänien zu fahren.

Grund 1: Die Menschen

Man soll zwar nicht in Stereotypen sprechen, aber ich habe wirklich nur freundliche Menschen getroffen. Und das, obwohl mir viele arme Leute begegnet sind, die auf meinen im Vergleich großen Reichtum auch anders hätten reagieren können. Immerhin konnte ich mir die weite Reise in ihr Land leisten. Meine erste Rumänienreise war 2003, da war das Land noch nicht in der Europäischen Union. Touristen gab es so gut wie keine. Fließendes Wasser gab es auf dem Land oft nicht, stattdessen wurde das Wasser vom Dorfbrunnen geholt. Als große Neuerung waren damals kurz zuvor Gasleitungen gelegt worden, sodass jedes Haus immerhin über eine Gaslampe und einen Gasofen verfügte. Autos gab es kaum, dafür Pferdefuhrwerke. 2017 hat sich in dieser Hinsicht einiges getan. Strom, Gas, fließendes Wasser, Autos: Das sind alles keine Ausnahmen mehr. Zwar geht es den meisten Menschen wirtschaftlich immer noch nicht so gut wie dem Durchschnittsdeutschen, aber insgesamt hat sich der Lebensstandard seit damals verbessert. Gleich geblieben ist die Freundlichkeit der Menschen, die mir stets mit Interesse begegnet sind.

Grund 2: Vielseitige Landschaften

Rumänien hat atemberaubende Landschaften, die auch noch sehr vielseitig sind. Berühmt sind die Karpaten, die sich sichelförmig durch Osteuropa ziehen und einen Großteil des Landesinneren Rumäniens einnehmen. Der höchste Gipfel in Rumänien ist mit 2.544 Metern die Moldoveanu-Spitze. Zum Vergleich: Der höchste Berg Deutschlands ist die 2.962 Meter hohe Zugspitze. Viele Höhenzüge des Landes sind bewaldet. In Rumänien befindet sich das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas. In diesen dichten Wäldern leben beeindruckende zwei Drittel aller europäischen Großraubtiere. Das sind vor allem Bären, Wölfe und Luchse.

Boot im Donaudelta
Mit dem Boot durchs Donaudelta © Outdoortraum

Dann gibt es noch das riesige Donaudelta – 5.800 Quadratkilometer ist es groß. Die Donau verzweigt sich in drei Hauptarme und viele winzige Nebenflüsschen und Seen, bevor sie ins Schwarze Meer mündet. Der Großteil des Gebiets steht heute unter Naturschutz. Man kann die Gewässer mit geführten Bootstouren erkunden, was auch wir gemacht haben. Das ist sehr faszinierend, weil man irgendwann nicht mehr weiß, was Festland und was Fluss ist. Mitten im Wasser bilden sich Inseln aus Schilf und anderen Gewächsen, die von vielen seltenen Vögeln bewohnt werden. 325 Vogelarten halten sich hier regelmäßig auf. Im Donaudelta lebt außerdem die größte Pelikankolonie Europas.

Grund 3: Abenteuer

Mein Eindruck: Rumänien ist ein bisschen anarchistisch. Natürlich gibt es für alles irgendwelche Regeln und Gesetze, ganz wie in anderen Demokratien Europas auch. Aber oft werden die eher als Vorschlag begriffen. Beispiel Sohodol-Schlucht: Hier hingen überall Schilder, dass Klettern, Picknicken und Feuermachen verboten sind. Unter den Schildern tummelten sich die rumänischen Großfamilien zum Sonntagspicknick, wärmten sich am Lagerfeuer und sahen uns beim Klettern zu. Übrigens: Das Klettern haben wir uns dort nur getraut, weil uns eine einheimische Seilschaft darüber aufklärte, was es mit dem Kletterverbot auf sich habe. Die Schilder waren angeblich nämlich nur aufgehängt worden, um irgendwelche „Aufpasser von der EU“ zufriedenzustellen. Ja, hätten wir das auch geklärt.

Abenteuerlich sind aber auch manche Schlafgelegenheiten. Wir waren mit unserem Camper unterwegs. Laut den Rumänen hätten wir uns getrost überall hinstellen können. Wir sahen das nicht ganz so locker, immerhin gibt es einige schützenswerte Natur und die Verbotsschilder machten auf uns trotz gegenteiliger Beteuerungen Eindruck. Wo wir aber in freier Natur standen, erlebten wir das als Abenteuer. So zum Beispiel direkt am Schwarzmeerstrand unterhalb einer Klippe, wo wir unsere Hippieträume ausleben konnten.

Thermalbad in Rumänien
Thermalbaden auf rumänisch © Outdoortraum

Abenteuerlich waren aber auch die Gelegenheiten, als wir ins rumänische Leben eintauchten. In Herkulesbad zum Beispiel wollten wir es den Rumänen gleichtun und die Heilbäder besuchen. Das stellte sich aber als gar nicht so leicht heraus, da schön aufbereitete Thermalbäder eher Mangelware sind. Stattdessen hocken sich die Einheimischen unter freiem Himmel mit 20 anderen Nackten in ein enges Betonkarree im Hinterhof. Spannend!

Grund 4: Die Kultur

Rumänien ist ein Vielvölkerstaat. Hier leben natürlich die Rumänen und dann noch ein paar Volksgruppen, die zwar ebenfalls Rumänen sind, aber einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Dazu gehören vor allem die Roma, die Ungarn und die Deutschen. All diese Volksgruppen haben ihre kulturellen Einflüsse mitgebracht. Das zeigt sich in der Architektur, der Sprache, dem Essen, bestimmten Festen und der Kleidung. Manche Bevölkerungsgruppen haben sich verstärkt in einer bestimmten Region angesiedelt. Reist man von der einen Gegend in die andere, lassen sich die Unterschiede oft schon mit einem Blick aus dem Fenster feststellen.

Sighisoara oder Schäßburg
Sighisoara oder zu Deutsch Schäßburg © Frank Rindermann

Wer sich für Kulturelles interessiert, wird in Rumänien mehr als fündig. Berühmt sind die Moldauklöster mit ihren reichen Holzverzierungen und kostbaren Ikonen. Die touristisch am meisten erschlossene Gegend ist wohl Siebenbürgen, wo sich mittelalterliche Stadtkerne bestaunen lassen. Natürlich ist auch das Dracula-Schloss einen Besuch wert und auch die trutzigen Kirchenburgen sollte man nicht verpassen. Das und noch viel mehr gibt es zu entdecken!

Grund 5: Wildlife

Bei den vielseitigen Landschaften habe ich schon erwähnt, wie reich die Flora und Fauna Rumäniens ist. Tierliebhaber kommen hier also voll auf ihre Kosten. Einem Bären möchte man vielleicht lieber nicht in freier Wildbahn begegnen. Wer trotzdem einen zu Gesicht bekommen will, hat dazu im Bärenreservat Zarnesti Gelegenheit. Da die Bären nicht gestört werden sollen, ist eine Anmeldung erforderlich.

Ein Traum für Ornithologen ist natürlich das Donaudelta, aber auch sonst sind viele Vögel zu beobachten. Insbesondere Störche sieht man in fast jedem Dorf, denn hier finden sie oft Vorrichtungen für ihre Nester. Die Einheimischen freuen sich über nistende Störche, denn die gelten als Glücksbringer.

Störche in Rumänien
Störche in Rumänien © Outdoortraum

Worauf wir vor unserer Reise ebenfalls oft angesprochen wurden, waren die Straßenhunde. Davon gibt es in Rumänien tatsächlich viele, auch wenn die Regierung mit rüden Methoden gegen ihre Ausbreitung vorgeht. Obwohl wir in manchen Situationen schon ein wenig Respekt hatten – in der Turda-Schlucht stand unser Camper mitten in einem Rudel von Wildhunden, die uns beäugten – haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Die meisten Streuner sind von sich aus vorsichtig und vor allem auf Futter aus. Bekommen sie das, werden sie sogar anhänglich. Wir haben die Vierbeiner eher als freundliche Haustiere auf Zeit betrachtet. Angst haben sie uns nicht gemacht.

Auf nach Rumänien!

Solltet ihr nach diesem heißen Plädoyer für Rumänien immer noch zögern, sei betont, dass die Straßen viel besser geworden sind, ihr bestimmt alles kaufen könnt, was ihr benötigt (und noch einiges Unnötige dazu!) und die Kriminalitätsrate laut Statistik niedriger ist als in Deutschland. Fahrt ihr hin, werdet ihr einen Urlaub erleben, den ihr so schnell nicht vergesst. Versprochen!

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Kopf des Monats: Wolfgang Güllich

Wolfgang Güllich

Wolfgang Güllich (*1960 in Ludwigshafen, +1992 in Ingolstadt) war ein deutscher Kletterer. Er ist bis heute weltberühmt, weil er wesentlich zur Entwicklung des Sportkletterns und insbesondere der Freikletterbewegung beigetragen hat. Viele seiner Erstbegehungen gehören noch heute zu den schwierigsten Routen und haben Weltrang.

Anfänge

Güllich begann 1975 als Teenager mit dem Klettern an den heimischen Felsen in der Pfalz. Dort machte er rasch Fortschritte und erregte Aufsehen, als er 1977 den berühmten „Jubiläumsriss“ (7–) in der Pfalz nicht mit technischen Hilfsmitteln hochkletterte, wie es bis dahin noch meist der Fall war. Stattdessen kletterte er frei, das heißt, er benutzte zwar ein Seil und mobile Sicherungsgeräte, die dienten aber nur als Schutz bei einem Sturz. Er verwendete sie nicht als Kletterhilfen.

Kletter-WG

1982 zog Wolfgang Güllich in die Fränkische Schweiz und dort mit seinem nicht minder berühmten Seilpartner Kurt Albert zusammen. In ihrer Wohngemeinschaft in Oberschöllenbach tummelten sich bald Kletterer aus aller Welt. Stammgäste und enge Freunde waren die britischen Kletterer Jerry Moffatt und Ben Moon.

Wolfgang Güllich sammelt Rekorde

Über Jahre brach Güllich mit seinen Erstbegehungen einen Rekord nach dem anderen und legte die Latte im Sportklettern immer höher. Mit den Routen „Ghettoblaster“ (X), „Punks in the Gym“ (X+), „Wall Street“ (X–) und einigen anderen schuf er Klassiker und beging nicht nur einmal die jeweils bis dahin schwerste Route seiner Zeit. 1991 kletterte er sein Glanzstück „Action Directe“ (XI) und eröffnete damit den elften Grad im Sportklettern. Erst 2001 konnte Chris Sharma mit „Realization“ (XI+) diesen Schwierigkeitsgrad einholen.

Wolfgang-Guellich-Grab_von Kassandro
Wolfgang Güllichs Grab © Kassandro

Wegweiser

Immer wieder wird gesagt, dass Güllich mit seinem Können seiner Zeit weit voraus war. Das lag sicher nicht nur an seinem großen Talent, sondern auch an seinem eisernen Willen und seiner akribischen Vorbereitung. Er ist bis heute berühmt für seinen einarmigen Klimmzug, der ihm sogar zu einer Rolle als Sylvester Stallones Double im Film „Cliffhanger“ verhalf. Verewigt hat sich Güllich mit seiner Trainingsmethode in fast jeder Kletterhalle: Dort hängen die sogenannten Campus-Boards (genannt nach dem Fitnessstudio, in das er stets ging und in dem er an einem solchen Board selbst trainierte). Diese Bretter mit Leisten und Fingerlöchern nutze Güllich, um sich penibel auf bestimmte Bewegungsabfolgen in bestimmten Routen vorzubereiten. Dabei unterschied er genau, ob er für einen Zug statische oder dynamische Bewegungen ausführen musste. Wer sich Güllich auf Youtube in Aktion anschaut, sieht, wie geschmeidig das Ergebnis seines Trainings aussieht!

Früher Tod

Wolfgang Güllich starb 1992 bei einem Autounfall mit nur 31 Jahren. Sein Grab in Obertrubach ist zu einer Pilgerstätte für Sportkletterer geworden. Sein Werk hat bis heute bestand, seine Routen gehören noch immer zu den schwersten der Welt und werden gerne von jüngeren Ausnahmekletterern als Herausforderung gesehen, sich posthum mit ihrem Idol zu messen. Die Liste der Wiederholer von „Action Directe“ liest sich wie das Who’s who der internationalen Sportkletterer: Dave Graham, Christian Bindhammer, Markus Bock, Kilian Fischhuber, Adam Ondra und Alex Megos, um nur einige zu nennen. Zum Abschluss ein Video, in dem ihr Jan Hojer in Güllichs „Action Directe“ bestaunen könnt.

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Weihnachten mal anders: Klettern in der Türkei

Klettern in der Tuerkei

Leise rieselt der Schnee, Knecht Ruprecht stapft durch den Wald, Bratapfelgeruch zieht durch die warme Stube. Weihnachten. Ein Graus für Kletterer! Warum? Ganz einfach: Winter. Da muss das Draußenklettern bis zum Frühling warten. Nicht mit uns! Wir lassen Weihnachten Weihnachten sein und fahren raus aus deutschem Wintergrau und rein in den Sonnenschein. Wir fahren Klettern in der Türkei!

Winterflucht zum Nikolaus

Sinterkletterei
Traumhaft griffiger Fels in Geyikbayiri © Outdoortraum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Winterflucht hat gleich drei Vorteile:
1. Wir haben’s schön warm.
2. Wir verlängern unsere Klettersaison.
3. Wir lernen Regionen kennen, in denen es im Sommer zu heiß zum Klettern ist.

In diesem Jahr also Klettern in der Türkei, quasi beim Nikolaus. Nach Myra geht’s aber nicht, sondern nach Geyikbayiri bei Antalya. Das bergige Hinterland ist unter Pauschaltouristen weitgehend unbekannt. Dabei ist es wunderschön, hat einen wilden Charme und im Winter kann man in den hohen Lagen sogar Ski fahren. Dafür sind wir aber nicht angereist. Wir wollen ans Seil!

Klettern in der Türkei: Ein Fest für die Sinne – äh … Finger

Traumfels in der Tuerkei
Der Fels leuchtet orange und selbst im Dezember ist es sommerlich warm. © Outdoortraum

Kaum im Josito Camp angekommen, springen wir in unsere Gurte. Das Camp liegt mitten im Klettergebiet. Fast alle Sektoren sind fußläufig. Rot und gelb leuchtet der Fels in der Sonne. Breite Sinterfahnen laden uns zum Klettern ein und wir hangeln durch die Überhänge. Vom fünften bis zum achten Franzosengrad ist hier alles überreichlich vorhanden: überhängend, kleingriffig, senkrecht, versintert, technisch, athletisch oder auch ganz einfach flowig. Ein Genuss!

Auf nach Citdibi

Sinterfahnen
Im Sektor Trebenna jubeln Sinterfans. © Outdoortraum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So schön das Klettern in Geyikbayiri ist, so einsam ist die Lage im Nirgendwo. Nach Antalya kommt man nur per Anhalter oder mit dem Mietwagen. In der näheren Umgebung sind nur ein paar vereinzelte Häuser von Ziegenhirten. Selbst der Ort Geyikbayiri ist zu Fuß kaum zu erreichen. Dafür ist das Klettercamp um so voller mit Weltenbummlern und Weihnachtsflüchtigen. Das ist meistens lustig. Nach zwei Wochen haben wir aber Lagerkoller und müssen da raus. Deshalb freuen wir uns, dass uns Tobias und Duygu Haug nach Citdibi einladen. Die beiden sind passionierte Kletterer und erschließen immer neue Routen. Das Klettergebiet Citdibi ist ihre Entdeckung. Ganz weit oben in den Bergen liegt es und ist nur über gewundene Schotterpisten zu erreichen. Von unserer Autositzen aus fühlt es sich an, als führen wir direkt in den Himmel. Wenn das kein gutes Omen für Weihnachten ist!

Weihnachten mit Muezzin

Wand in Citdibi
Die Wände in Citdibi sind zum Teil 150 Meter hoch. © Outdoortraum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oben angekommen sehen wir ein Paradies für Hardmover. Kein Wunder, wurden die ersten Routen doch 2014 im Rahmen des Petzl RocTrips eingebohrt. Neben ein paar knackigen Überhängen mit fantastischem Sinter öffnet sich links eine schmale Schlucht. Hier ragen auf beiden Seiten die Wände senkrecht in die Höhe. Lust auf Ausdauerklettern? Bei 140 Metern Wandhöhe kein Problem. Manche der derzeit 89 Routen sind 55 Meter lang – als Einfachlänge! So geht Klettern in der Türkei!

enge Schlucht in Citdibi
In dieser engen Schlucht kann man sich die Finger wund klettern. © Outdoortraum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar leichte Routen gibt es zwar auch, die Mehrzahl der Wege liegt aber im Bereich 7c bis 8c. Das meiste also zu schwer für mich. Das macht mir aber gar nichts. Ich genieße es, in den leichteren Längen nigelnagelneuen Sportkletterfels unter den Fingern zu haben. Von Speck keine Spur! Dabei ist alles toll abgesichert und alle Haken ist bestem Zustand. Tobias und Duygu setzen ihren ganzen Stolz in „ihr“ Citdibi, das ist zu merken.

Als es langsam Abend wird, zünden wir zwischen ein paar Felsblöcken ein Lagerfeuer an, schälen eine Orange vom Basar und schauen ins Tal. Langsam senkt sich die Sonne und färbt die Landschaft golden. Weit hinten im Dunst kann man das Meer vor Antalya entdecken. Andächtig betrachten wir das Bild vor uns. Da beginnt der Muezzin aus der Ferne sein Lied. Weihnachten.


Tipps zum Klettern in der Türkei:

  • Flug: Nehmt einen Flug nach Antalya. Hier gibt es fast das ganze Jahr über günstige Angebote.
  • Auto: Es kann sich lohnen, direkt am Flughafen auch einen Mietwagen zu ordern. Der kostet nicht so viel. Alternativ bietet das Josito Camp einen Transfer vom/zum Flughafen an. Sitzt ihr allein im Auto, habt ihr die Kosten für den Mietwagen aber oft schon raus. Also ruhig mal durchrechnen!
  • Unterkunft: Es gibt diverse Unterkünfte für Kletterer. Ihr könnt dort meist Zelte mieten, in kleinen Bungalows wohnen oder ein Zimmer in einem komfortableren Guest House buchen.
  • Essen: Ihr könnt vor Ort in der Küche des Camps kochen und euch so selbst versorgen. Einkaufen müsst ihr dafür entweder auf dem Markt, der einmal wöchentlich den Hügel runter stattfindet, oder aber in Antalya. Auch hier also: Mietwagen könnte sich lohnen! Wollt ihr gar nicht selbst kochen, könnt ihr euch natürlich auch für einen fairen Preis im Camp bekochen lassen.
  • Pausentage: Um Antalya herum gibt es tolle Ausflugsziele, viele archäologische Ausgrabungsstätten, andere Klettergebiete wie Olympos, Strände ohne Ende und viel schöne Natur. Die Altstadt von Antalya lohnt auch einen Besuch. Wenn ihr die müden Knochen verwöhnen wollt, könnt ihr hier ein Hamam besuchen (ein türkisches Bad).

Zu diesem Beitrag hat mich Simone Blaschke vom Kultreiseblog mit ihrer Blogparade „Weihnachten in anderen Ländern“ inspiriert. Danke dafür!

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Al’Legne in Freyr: Alpine Abenteuer über der Maas

Blick auf die Maas in Freyr

Erschöpft, aber zufrieden tunke ich mein Kartoffelstäbchen in die andalusische Soße. „Auf uns!“, proste ich Heni zu, bevor ich einen Schluck hinterher spüle. Die Wand liegt mächtig vor uns. Im Tal funkelt die sich senkende Sonne im Fluss. Mit Fritten und Bier feiern wir unser überstandenes Bergabenteuer in Freyr.

Dauertremor weit über der Sicherung

Wenige Stunden ist es erst her, dass wir auf Leben und Tod mit jedem Quadratzentimeter Fels vor uns kämpften. Letzte Seillänge. Die Letzten quälenden 30 Meter, die uns vom Gipfel, von der Erlösung aus dieser Wand trennen. Die Nerven sind schon völlig blankgelegt. Zittrig kletterte ich vom Stand los. Ob meine angekratzte Psyche oder die körperliche Erschöpfung diesen Dauertremor ausgelöst hat, weiß ich nicht, macht auch nichts, habe ihn inzwischen als selbstverständlich akzeptiert. Die ersten zehn Meter gehen vergleichsweise problemlos, geradezu schon entspannt für diese Route. Ich gelange an eine überhängende Verschneidung. Selbstverständlich ordentlich speckig, selbstverständlich ordentlich über der letzten Sicherung. Sieht nicht so schwer aus, denke ich. Doch auch hier wiederholt sich die Geschichte dieser Route: weit gefehlt die Einschätzung.

Stemmen, pressen, stützen

Mich mitten in der Crux wiederfindend, entdecke ich eine hauchdünne Alibi-Sanduhr, die ich schnell fädele, um mich in eingebildeter Sicherheit wiegend laut stöhnend hoch zu stützen, zu pressen und zu stemmen. Mit fast zum Spagat gespreizten Beinen wage ich einen Blick hinunter und entdecke meine frei baumelnde Reepschnur mitsamt Expressschlinge. Sie war wohl noch dünner als gedacht, die Sanduhr. Inzwischen ungesund weit über der letzten Sicherung stehend entschließt sich meine Physis, mit einer Ganzkörpernähmaschine gegen die unkomfortable Position zu rebellieren. Leichte bis mittelschwere Hysterie steigt in mir auf. „Jetzt komm mal wieder runter“, schreie ich mich selbst an, während ich versuche, mit unkontrolliert vibrierenden Händen den 0,75er-Cam in eine völlig ungeeignete Ritze zu stopfen. Als er dort irgendwie hängen bleibt, wuchte ich mich unter nicht zu rezitierendem Wortschwall zum nächsten Haken. Die verbleibenden Meter waren reiner Genuss. Meint: Ich habe kein Mal mehr um mein Leben gefürchtet. Etwa 20 Minuten später erscheint Heni mit zum Sieg empor gerissenen Armen auf den Gipfelgrat von Freyr. Erleichterung steht ihr in Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben.

Ausstieg über den Gipfelgrat
Der Ausstieg über den Gipelgrat in Freyr ist nicht schwer, hat aber schönes, alpines Flair. © Outdoortraum

Tapfere Belgier

Wo kann man solche Abenteuer erleben? Marmolada? Nee. Eiger? Weit gefehlt. Kaiser? Ganz kalt. Der funkelnde Fluss ist die Maas. Die Wand, die wir uns emporgekämpft haben, nennt sich Al’Legne und gehört zu den Rocher de Freyr in Belgien. Die Route: eine Kombination aus den drei klassischen Routen „L’amour“ (2 SL,TD oder 5c+/6a), „Le chainon manquant“ (1 SL D+ oder 5c) und „Le Lecomte“ (2 SL, TD oder 5c+). Stand nicht schon bei Asterix geschrieben: „Julius Cäsar hat gesagt, von allen gallischen Stämmen sind die Belgier die tapfersten?“

Kurztrip nach Freyr

Doch blicken wir an den Anfang dieser Odyssee. Ein Kurztrip führt uns nach Freyr. Beide, Heni und ich, fühlen wir uns fit für diese fünf Seillängen. Vage Erinnerungen habe ich an einzelne Teile der Route, doch inzwischen wesentlich erfahrener und mit für Belgien vergleichsweise vielen Camelots behängt, fühle ich mich mehr als gewappnet. Ebenso Heni, gerade gut im Training. Erfolgreiche Tage in der Eifel geben Mut für die Unternehmung.

Doch schon die erste Seillänge stimmt uns mit einem Piaz-Fingerriss, Speck unter den Füßen und Händen sowie wenigen, oft schwer einzuhängenden Haken auf das Kommende ein. Mit zum Platzen aufgepumpten Armen erreiche ich den Stand. Was für ein Start. In Vorausahnung studiere den Topo schon mal nach dem Chickenway, um die noch etwas schwerere zweite Seillänge umgehen zu können.

Durch die Vegetation klettern
Am Anfang geht’s noch ganz leicht … und ein bisschen durch den Gemüsegarten. © Outdoortraum

Nicht auskneifen!

Trotzdem auch Heni ihren Kaltstart in dieses Dauergepresse wenig erquicklich findet, besteht sie auf der Fortführung der Originallinie. Okay! Dann will ich auch nicht kneifen. Was ich davon habe, weiß ich, als ich kurz später unter einer überhängenden Rissverschneidung ankomme. In einer Seillänge, die in der Bewertung weit unter meinem Limit liegt, keine Ahnung zu haben, wie ich auch nur einen Zentimeter vorwärts komme, kommt mir etwas befremdlich vor. Die Verteilung der Sicherungspunkte übrigens auch. Nach einem lange andauernden, unerbittlichen Kampf zwischen mir und dem Riss kann ich einen Sieg verbuchen. Entgegen allen Instinkten bleibe ich der Freikletterethik treu und ringe dem Felsen unter ausschließlicher Nutzung von natürlichen Halte- und Trittmöglichkeiten Millimeter für Millimeter ab. Die Ästhetik bleibt hierbei eindeutig auf der Strecke. Zeitweiseweise stecken sämtliche Gliedmaßen gleichzeitig im Riss.
Wie auch immer es geschah, irgendwann stehe ich in angenehm gestuftem Schrofengelände und kletterte in Zeitlupe zum Stand. Obwohl ich Heni nicht sehen kann, weiß ich, dass sie es mir gleichtut. Die ersten Meter ziehe ich gleichmäßig Seil ein. Just dort, wo ich am Riss unter dem Überhang ankam, wird kein Seil mehr frei, um es einzuziehen. Neben diversen Schimpfwörtern dringt nur ein gelegentliches „Zu!!“ zu mir hoch. Piazzen? Klemmen? Eindrehen? Ägyptern? Keine Lehrbuchtechnik kann es mit dieser 5c-Kletterstelle aufnehmen. Die Zeit am Stand wird endlos. Endlose Zeit, um über die kommenden Längen nachzugübeln …

Hohe Wand in Freyr
Die eindrucksvolle Wand von Al’Legne in Freyr © Outdoortraum

„Le Lecomte“

Trotz weiterer Auskneifmöglichkeiten gehen wir tapfer weiter auf unserer Linie. Eine kurze, geradezu entspannte 5c-Länge führt uns zum Herzstück der Route „Le Lecomte“. Ein Doppeldach gilt es hier zu überwinden. Da können ja nur riesige Kellen warten, ist ja schließlich mit 5c+ bewertet.

Der Optimismus ist schnell dahin. Schon auf dem hakenlosen Stück zum ersten Rosti hat sich jegliches Selbstbewusstsein verabschiedet. Diverse Friends haben Behausung hinter hohlen Schuppen und in seichten Löchern gefunden. Dabei wäre etwas Nervenstärke auf der diffizilen, ach ja, und schlecht gesicherten Platte ganz nützlich. Trotz erheblichem Flattermann komme ich unter dem ersten Dach an. An einem großen Speckband traversiere ich nach links und schiebe mich ausnahmsweise einigermaßen elegant über das Dächlein. Ich finde mich auf dem Speckband stehend, die Hände tief im Untergriff im Dachgrund versenkt wieder. Nachdem sie mein Zögern bemerkt, schlägt Heni vor: „ Nach links? Da ist ein guter Haken!“ „Gute Haken gehören nicht zu dieser Tour. Rechts oben sehe ich einen rostigen! Das müsste der übernächste sein. Den dazwischen sehe ich nicht!“ Kein Wunder, es gibt keinen Haken dazwischen.

„Schaff den Zug!“

„Jetzt reicht es,“ denke ich. „Jetzt setze ich mich rein!“ Da ich innerlich bereits 1.000 Tode in dieser Route gestorben bin, ist es wohl an der Zeit, den Beelzebub nicht weiter herauszufordern. Während ich über die verlockende Möglichkeit nachdenke, zum Haken abzuklettern, zum Stand umzukehren und abzuseilen, tastet meine Hand über den Felsen oberhalb des Dachs. Wie magisch angezogen taucht mein Mittelfinger plötzlich bis zum Anschlag in ein Einfingerloch. „Ich probiere mal was!“, höre ich mich nach unten rufen. Einen Moment ausblendend, dass ich mich wieder einmal weit über der letzten und weit unter der nächsten Sicherung befinde, schwinge ich meinen rechten Fuß auf einen guten Tritt über der Dachkante und beginne, mich aus der fast horizontalen Position auf den Fuß zu schieben. Wie mir Heni später verrät, wiederhole nicht nur ich das Mantra: „Schaff den Zug! Schaff den Zug!“ Eine riesige Kelle ist die Belohnung für den Mut und noch zwei weitere führen mich zum Stand. Heni folgt. Geradezu mühelos turnt sie die Platte hoch, doch unter dem Dach ist erst mal Schluss. Doch auch sie hat inzwischen einen stoischen Trotz entwickelt und arbeitet sich unter Geschimpfe und Gezerre Stück für Stück über das Dach bis zu mir hoch.

Hoch über der Maas klettern
So hoch über der Maas möchte man nicht gern abstürzen. © Outdoortraum

„Jetzt wird’s leichter! Eine Länge nur noch“, mache ich uns Mut. Und ganz naiv glaube ich an meine Worte. Bis ich mit Ganzkörpernähmaschine, rausgebrochener Sanduhr und windigem Friend in einer überhängenden Verschneidung aufgespreizt stehe und leichte bis mittelgradige Hysterie in mir aufsteigt.

Gipfelbier über der Maß

„Prost! Auf uns!“ Die Maas funkelt in der sich senkenden Sonne. Die Wand des Al’Legne in Freyr thront gewaltig über dem Fluss. „5c+! Die spinnen die Belgier!“ „Nee, Julius Cäsar hat gesagt, von allen gallischen Stämmen seien die Belgier die tapfersten.“ „Morgen Plaisier, oder?“, frage ich Heni.

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