Reinhold Messner – Über Leben

Reinhold Messner ist dieses Jahr, am 17. September, 70 Jahre alt geworden. Zu diesem runden Geburtstag hat es sich selbst beschenkt, und zwar mit einer Autobiografie, die nur der äußeren Form nach eine ist. „Über Leben“ heißt das 336 Seiten starke Buch und ist in drei Teile gegliedert. Diese sind jeweils mit „Üb erleben“, „Überleben“ und „Über Leben“ überschrieben.

Diese Überschriften passen gut zu den Inhalten, bei denen es zuerst um die Jugendjahre, dann um die Jahre des reifen Erwachsenenalters und schließlich um die Sicht des gealterten Mannes geht.
Warum aber macht sich Messner mit diesem Buch selbst ein Geschenk? Nun, selbst wenn man wenig über diesen Abenteurer und berühmten Bergsteiger weiß, so wird bei der Lektüre deutlich, dass er mit seinen Expeditionen, seinen extremen Reisen vor allem im Himalaja, aber auch an den Nordpol und durch die Wüste Gobi, provoziert hat. Messner verschwendet im Buch keinen Platz auf Details verschiedener Zwistigkeiten mit dem Alpenverein, ehemaligen Expeditionsteilnehmern oder anderen Bergsportinteressierten. Trotzdem wird deutlich, dass er mit seiner Abenteuerlust und seiner Bereitschaft, seine eigenen Grenzen auszutesten einerseits fasziniert, gleichzeitig aber auch viele Menschen gegen sich aufgebracht hat.

Die Tragödie um seinen Bruder Günter, der am Nanga Parbat starb, während er dort mit Reinhold Messner auf Expeditionsreise war, hat Messner mitgenommen. Die Anfeindungen bei seiner Rückkehr, er habe den Bruder um des eigenen Ruhmes willen geopfert, noch mehr. Messner rechtfertigt sich in seiner Autobiografie nicht mehr, hat es nicht mehr nötig. Dennoch kommt er immer wieder auf diese Themen zurück.

In seinem Versuch, die erlebten Anfeindungen, ja, Verleumdungen, wie er es nennt, zu überwinden, versteht der Leser, wie sehr Messner mit seinen kompromisslosen Grenzgängen provoziert und unter den Folgen gelitten hat. Sich selbst eine Biografie über das eigene Erleben zu schenken, ist somit der beste Weg, für sich und mit der Öffentlichkeit Frieden zu schließen. Als Leser wird man Zeuge dieses Prozesses.

Der Titel des Buches hätte dabei nicht besser gewählt sein können, denn einerseits ist das Überleben wohl eines der Leitmotive in Messners Leben. Gleichzeitig ist dieses Buch kein simpler Lebensbericht. Er erzählt zwar von seinen Abenteuern, geht dabei jedoch nie auf Details ein – welche Berge wie und wann bestiegen wurden. Vielmehr greift er Momente heraus und berichtet davon, wie er seine Abenteuer empfunden hat.

Er nimmt also die Metaperspektive ein und ordnet seine Abenteuer in den größeren Kontext seines Lebens ein. Das gelingt ihm recht gut und treffende Kapitelüberschriften wie „Trauer“, „Schrecken“ oder „Neid“ verweisen auf den Anspruch, sein eigenes Leben zu überblicken.

Dieses Buch ist sehr persönlich und man erhält einen recht intimen Blick in die Seele des Autors. Wie man dabei zu Messner steht, ob die Faszination überwiegt oder die Provokation, ist dabei zweitrangig. Die Lektüre ist auf jeden Fall spannend, nimmt sie doch mit auf die Reise eines Gipfelstürmers zu sich selbst. Dieser Lebensweg mit seinen Höhen und Tiefen macht Mut, denn Messner scheint trotz aller Anfeindungen und Rückschläge angekommen zu sein bei sich.


Reinhold Messner: Über Leben. Malik. 2014. 22,99 Euro. www.piper.de/verlag/malik

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