Klettern in Rumänien: Rimetea

Rumänien hat eine atemberaubende Natur und wird zu weiten Teilen von den Karpaten beherrscht. Da muss man einfach klettern können! Grund genug für uns, hinzufahren und uns die Kletterei genauer anzusehen. Unsere erste Kletterstation führt uns nach Rimetea.

Kleiner Ort, großer Berg

Rimetea ist ein kleines Dorf mit nur knapp 1.000 Einwohnern. Es liegt zwar in Siebenbürgern, wo sich in grauer Vorzeit viele deutschsprachige Menschen niedergelassen haben. Geprägt ist der Ort aber von der ungarischen Minderheit, den Szeklern, die ebenfalls in Rumänien lebt. Denn Rumänien ist ein Vielvölkerstaat – einer der 5 Gründe, warum es sich lohnt, nach Rumänien zu fahren.

Historische Höfe in Rimetea
Historische Höfe in Rimetea © Outdoortraum

Torockó oder Eisenburg, wie Rimetea auf Ungarisch oder Deutsch auch genannt wird, ist bekannt, weil fast der gesamte Ort unter Denkmalschutz steht. Historische Höfe aus verschiedenen Jahrhunderten reihen sich aneinander. Beim Schlendern durch die buckligen Kopfsteinpflastergassen fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. Die Bauern am Dorfrand sensen ihr Heu noch mit der Hand und fahren die Ernte mit dem Handkarren ein. Für mich ein malerisches Bild, für die Menschen Knochenarbeit.

Doch genau aus diesem Grund kommen einige Touristen – meist aus Ungarn – hierher, um das idyllische Dorf mitten im Naturschutzgebiet zu bewundern. Rimetea liegt wie hingegossen vor dem großen Berg im Hintergrund, der über seine Menschen zu wachen scheint. Stolz erhebt sich der Piatra Secuiului (Deutsch: Szeklerstein). Und genau da wollen wir rauf.

Blick auf Rimetea
Blick auf Rimetea vom Piatra Secuiului © Outdoortraum

Klettern? Wieso klettern?

Wir haben uns vor der Abreise nämlich informiert und in Erfahrung gebracht, dass in Rimetea alljährlich ein Kletterfestival stattfindet – die Rimetea Climbing Open. Tatsächlich sehen wir auch noch alte Plakate. Bei unserer Ankunft im Juli ist aber schon alles vorbei. Nicht schlimm. Wir spekulieren auf die vielen Routen im Fels, die bei solchen Festivals für die Gäste eingerichtet werden. Und bestimmt hat sich der Ort als Kletterspot etabliert. Da können wir dann mit Einheimischen loslegen!

Das stellt sich aber schnell als Illusion heraus. Im Ort weiß keiner etwas vom Klettern. In der Touristeninfo drücken sie uns auf Nachfrage eine Wanderkarte in die Hand. Das macht man hier am Berg: Wandern, nicht klettern.

Rimetea auf eigene Faust

Dank Internet und dem leider ziemlich schlechten Klettertopo wissen wir aber, dass man hier klettern kann. Also ziehen wir auf eigene Faust los. Wir kämpfen uns mit allem Gepäck den ziemlich steilen Berg hoch und steuern die Wände an, die in unseren Augen einfach beklettert werden müssen. Wir schlittern über Schuttfelder, rutschen Holperpisten entlang und bahnen uns unseren Weg durch hüfthohe Brennnesselfelder. Immer auf der Suche nach einem in der Sonne blitzenden Bohrhaken oder einem Routennamen am Fels.

durch die Brennnesseln
Durch die Brennnesseln, an Giftschlangen vorbei … © Outdoortraum

Schließlich werden wir fündig. Kein Routenname, aber eindeutig Bohrhaken. Der Topo weiß zwar von nichts, aber die Tour sieht machbar aus. Also steigen wir ein. Die Zuversicht ist wieder da. Hurra, wir sind in ein Seil eingebunden und klettern endlich in Rumänien!

Der kurz entflammte Enthusiasmus fällt aber binnen Minuten in sich zusammen. Der Fels ist noch überhaupt nicht abgeklettert. Die Reibung ist schlecht, weil noch überall Sand und Staub auf der Wand liegen. Schlimmer noch: Beim Klettern halten wir plötzlich den einen oder anderen Griff in der Hand, weil die brüchigen Felsstücke noch nicht entfernt wurden. Wir bleiben trotzdem dran, immerhin klettern wir ja weit unter unserem Limit. Was soll da schon passieren? So ermuntern wir uns, bis Frank im Vorstieg an eine dann doch nicht zu unterschätzende Krux gelangt. Bei eben beschriebener Felsqualität soll er in Grounder-Höhe einen ziemlich wackligen Zug gegen die offene Tür machen. Der Haken? Glänzt weit über ihm, drei Züge entfernt. Frank beißt die Zähne zusammen und macht den Zug. An einer abschüssigen Mikroleiste kann er weiterschnappen, hat etwas leidlich Gutes in der Hand und kann den Fuß höher setzen. Weitergegriffen – die Passage ist überstanden und er kann klippen.

Wir sind beide erleichtert, haben aber für den Tag genug geklettert. Wir packen ein und sagen uns, dass der Sektor ja ohnehin nicht im Topo steht. Weiter oben am Berg, da muss es besser sein.

Neuer Tag, neue Demut

Am nächsten Tag ziehen wir wieder los, die Gipfelregion im Visier. Inzwischen haben wir uns im Ort schlaugemacht. Übers Klettern wissen wir zwar nicht mehr, dafür kenne ich jetzt aber fünf giftige Schlangenarten, die hier zu Hause sind. Prima!

Anstieg auf den Piatra Secuiului
Anstieg auf den Piatra Secuiului © Outdoortraum

Mit diesem Wissen kämpfe ich mich ziemlich unentspannt durch das Gebüsch, denn Trampelpfade oder Wegweiser zu Kletterspots sind auch heute Fehlanzeige. Wir haben uns aber eine Bergflanke ausgeguckt, an der wir ein paar vielversprechende Sektoren vermuten.

Und richtig: Vor uns hatten Leute schon die Idee, hier zu klettern. Wir finden einige Linien in diversen Schwierigkeitsgraden. Für den Fels gilt leider das Gleiche wie gestern: wenig abgeklettert, deshalb noch staubig-rutschig und zum Teil brüchig. Hier oben kommt an manchen Stellen noch ein wenig Feuchtigkeit dazu, von der lassen wir uns aber nicht einschüchtern.

Felswand über Rimetea
Felswand über Rimetea © Outdoortraum

Beim Klettern merken wir, dass auch hier die Haken mitunter etwas merkwürdig gesetzt sind. Es wirkt, als seien die Routen nicht von unten beim Besteigen eingebohrt worden, sondern von oben. Die Haken sind oft nicht an der Krux eingebohrt, sondern immer genau einen Tick zu hoch. Außerdem müssen wir des Öfteren die Linie fast verlassen, um zu klippen. Wir erklären uns das mit den Festivalrouten, die ja oft in kurzer Zeit schnell eingebohrt werden müssen. Da bleiben solche Feinheiten vielleicht mal auf der Strecke.

Nach ein paar Routen fühlen wir uns abgekämpft und mental völlig ausgelutscht. Wir finden keinen der angegebenen Sektoren, die Sonne brennt, weil die Ausrichtung der Wand nicht Nord ist, wie der Topo behauptet, sondern Süd. Überall wachsen Brennnesseln und darin lauern Giftschlangen. Ein Routenname bringt unsere Verfassung auf den Punkt: Fraktura de Ego. Wir gehen nach Hause in unseren Camper.

Fraktura di ego © Frank Rindermann

Klettern Flop, Rimetea top!

Das Klettern in Rimetea hat für uns ein bisschen gefloppt. Wir haben das starke Gefühl, noch mehr Infos zu benötigen, da wir uns ohne vor Ort nicht zurechtfinden können. Der Topo von Gerald Krug, erschienen im Geoquest-Verlag, ist leider der einzige in Deutschland erhältliche Kletterführer und ziemlich schlecht recherchiert. Wir mussten das auch in anderen Klettergebieten im Land immer wieder feststellen. Für das nächste Mal nehmen wir uns vor, noch mehr Infos im Internet zu sammeln. Denn, obwohl die Kletterei nicht so geklappt hat, wie wir es uns erträumt haben, ist für uns klar: Es wird ein nächstes Mal geben! Den der Fels ist grundsätzlich toll, wenn er erst einmal abgeklettert ist. Und die Natur ist wunderschön. Und Rimetea ist ein Kleinod! Das wollen wir alles noch einmal unter besseren Vorzeichen sehen!

Für dieses Mal aber packen wir unsere sieben Klettersachen und ziehen weiter klettern durch Rumänien. Nächste Station: die Turda-Schlucht. Wie es uns dort ergangen ist, könnt ihr demnächst hier nachlesen.

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