Die Hohe Wand: Entspanntes Mehrseillängenklettern vor den Toren Wiens

Wer Mehrseillängen liebt, gleichzeitig aber in den leichteren Graden unterwegs ist, ist für Tipps immer offen. Zwar gibt es unzählige leichte Mehrseillängen in den Alpen, darunter auch viele Klassiker. Die Alpen sind jedoch hinsichtlich des Wetters nicht immer verlässlich. Hinzu kommen oft steile und lange Zustiege. Vor allem aber ist die Absicherung gerade in den sogenannten Plaisier-Routen meist gar kein Genuss, sondern ausgesprochen alpin, also spärlich. Das macht so eine Unternehmung zwar zum großen Abenteuer, je nach Zeit, Wetter und Gemütslage ist eine etwas gemütlichere Gangart aber durchaus willkommen. Jedenfalls bei uns. So freuen wir uns, in der „Klettern“einen Artikel über den Naturpark Hohe Wand bei Wien zu finden. Die Touren dort werden sehr gelobt und die abgebildeten Fotos sehen vielversprechend aus. Der Kurztrip nach Wien ist abgemachte Sache.

Knapp 20 Kilometer von der Wiener Neustadt entfernt ist der Naturpark Hohe Wand gut ausgeschildert. Über eine kleine Straße, auf der am Wochenende und an Feiertagen eine geringe Maut erhoben wird, erreichen wir den Parkplatz direkt am Wandfuß. Wenige Meter unterhalb dieses Parkplatzes finden wir einen gepflegten Stellplatz für Camper. Hier können wir für 12 Euro pro Nacht unseren Bus abstellen. Auf dem Platz gibt es sogar ein kleines, sauberes Waschhäuschen mit Trinkwasser. Das Beste ist aber der Blick direkt auf die Hohe Wand.

Der Stellplatz mit Blick auf die Hohe Wand
Der Stellplatz mit Blick auf die Hohe Wand

8 Kilometer lang und 2,5 Kilometer breit erhebt sich das bis zu 1.000 Meter hohe Kalksteinmassiv aus der ansonsten eher flachen Landschaft. Zwar sind die Felswände von waldigen Passagen durchbrochen, man sieht auf den ersten Blick jedoch ein paar einladende Kletterlinien. Das Studium des Topos gibt uns recht: Die Auswahl an vielversprechenden Routen ist groß. Alle sehen sehr gut eingerichtet aus, die Absicherung scheint ausgesprochen gut zu sein. Alpines Sportklettern – genau, was wir gesucht haben!

„Osterhasi“ (7–): Blöder Name, schöne Tour

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg. Die sechs Seillängen der „Osterhasi“(7–) stehen auf dem Programm. Aus dem Wind vom Vorabend ist am Morgen ein regelrechter Sturm geworden. Die Baumwipfel biegen sich und das lange Weidegras wird von heftigen Böen gepeitscht. Ein Nachfragen bei der benachbarten Seilschaft beruhigt uns jedoch: Der Wind wird sich legen und war bisher fast jeden Morgen so heftig. Derart beruhigt steigen wir zügig 20 Minuten lang sehr steil bergan, bis wir den Einstige der „Osterhasi“ erreichen. Der Einstieg befindet sich direkt neben einem sehr markanten Kamin, an dessen Fuß viel Geröll liegt. Später bin ich froh, dass ich schon beim Sichern am Einstieg meinen Helm getragen habe. Das Geröll stammt von heftigem Steinschlag. In der Hohen Wand tummeln sich viele Steinböcke, die beim Kraxeln ganze Blöcke lostreten. In der Rinne zum Einstieg der „Osterhasi“ krachen sie dann in die Tiefe. Das Gepolter begleitet uns beim Klettern, in unserer Route sind wir aber in Sicherheit.

Noch etwas anderes begleitet uns auf unserem Weg nach oben: die Paraglider, die vom Gipfel aus starten und über die weite Ebene segeln. Der Anblick ist majestätisch und lässt uns in der aufkommenden Hitze etwas neidisch auf den Fahrtwind werden. In der nach Süden ausgerichteten Wand braten wir ganz schön. Bei der genussvollen Kletterei in der schönen und sehr logischen Linie vergessen wir die Temperaturen schon mal, an den Ständen bin ich jedoch froh, mir manchmal die Schuhe ausziehen zu können. Warum nur habe ich mir nicht meine gemütlicheren Alpintreter angezogen?

Ausgefallenes Kletterambiente
Ausgefallenes Kletterambiente

Stück für Stück klettern wir die „Osterhasi“ hoch und freuen uns schon auf die fünfte Seillänge mit der Krux. Die setzt sich aus zwei Stellen zusammen, beide im Grad 7–. Die erste Stelle ist ein kleiner Riss mit schlechten Griffen und so gut wie keinen Tritten. Mit etwas Vertrauen in die schlechte Reibung des heißen, schmierigen Kalks und entschlossenem Aufstehen ist diese Stelle irgendwie zu meistern. Mein Vertrauen schwindet jedoch bei der zweiten Krux. Auf der Platte gibt es nun gar keine Tritte mehr, die Griffe sind mittelmäßig, meine Arme dick und die Nerven angespannt. Ich probiere hin und her und versuche, eine andere Lösung zu finden, die mich davor bewahrt, auf dem rutschigen Plattenkalk antreten zu müssen. Diese Lösung gibt es aber nicht. Entkräftet lenke ich ein, stelle mich der Traverse, stemme mich in den schlechten Seitgriff und trete an. Ich stehe langsam auf, verlagere mein Gewicht nach links und – rutsche ab. Ich schreddere über die heiße Platte und schürfe mir Arme und Beine auf. Nichts Schlimmes ist passiert aber die Nerven sind nun gänzlich runter. „Das sollte doch eine Genusskletterei werden!“, schimpfe ich vor mich hin. Ich kämpfe mich nach einer Sitzpause im Seil den Rest der Seillänge hoch und komme völlig erschöpft am Stand an.

Runter ist immer leichter als hoch ...
Runter ist immer leichter als hoch …

Immerhin habe ich die Krux nun hinter mir. Vor uns liegt die letzte Seillänge. Trotz Geschimpfe meinerseits ist mein Blick nicht verstellt für die Schönheit der Ausstiegslänge. Mich erwartet ein kleiner Bauch, der aber extrem gutgriffig ist und den sechsten Grad nicht übersteigt. Den noch geschafft und oben bin ich.

Endlich oben: Alles hinschmeißen und pfffff... © www.text-welten.com
Endlich oben: Alles hinschmeißen und pfffff…
© www.text-welten.com

Über die „Völlerin“ nach unten

Am Ausstieg lecke ich meine Wunden und komme langsam zur Ruhe. Die Sonne scheint, es weht ein angenehmes Lüftchen und der Ausblick über die Ebene ist einfach wundervoll. Mein unangenehmer Felskontakt ist bei diesem Anblick schnell vergessen. Das Radler im Gasthaus Postl tut sein Übriges.

Über den Völlerinsteig geht es 45 Minuten lang bergab zurück zum Parkplatz. Der Steig ist ein echtes Erlebnis und rundet den Klettertag perfekt ab. Mein persönliches Highlight: sich sonnende Steinböcke aus nächster Nähe!

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Ein echter Steinbock! Ich bin begeistert und alle Mühsal vergessen.

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