#FreitagsFrage: Was gehört auf die Packliste fürs Fernwandern?

Was nehme ich nur mit? Bevor ich mich auf eine Fernwanderung begebe, schreibe ich lange vorher meine Packliste. Denn wenn ich von meinen wochenlangen Wanderungen durch Spanien, England und Schottland erzähle, höre ich eine Frage besonders häufig: „Ist dir der Rucksack nicht zu schwer?“ Nö – mit ein bisschen Planung lässt sich das gut vermeiden.

Die Frage ist aber natürlich berechtigt, immerhin trage ich bei den Fernwanderungen alles, was ich brauche, auf dem Rücken. Und zu schwer ist doof. Es lohnt sich also, über die Frage „Was darf alles auf die Packliste?“ etwas länger nachzudenken.

Was darf der Rucksack maximal wiegen?

„Mehr als 11 Kilo braucht kein Mensch“, krähte mir der ältere Herr, offensichtlich wie ich ein Pilger auf dem Camino de la Costa, am Flughafen Bilbao entgegen, als er seinen Rucksack vom Gepäckband hob. „Alles darüber hinaus ist überflüssig.“ Mir wurde mulmig. Ich war das erste Mal auf einem Fernwanderweg unterwegs und mein Rucksack war schwerer. Um einiges gleich, je nachdem, welche Kleidungsstücke und Schuhe ich trug, kam ich auf 12 bis 13 Kilo. Ohne Wasser und Verpflegung, die ich ja auch immer noch mitnehmen musste. Hatte ich zu viel eingepackt?

Wanderzeichen auf dem Camino de la Costa © Cordula Natusch

Doch dann dachte ich an die Worte des Beraters, bei dem ich meinen Rucksack gekauft hatte: „Mach dir nicht zu viele Gedanken über das Gewicht. Wenn der Rucksack gut passt und das Gewicht auf den Hüften sitzt, ist das kein Problem.“ Nun denn, als Frau kann ich Hüfte gut (das ist ein echter Vorteil der weiblichen Anatomie). Wenn der Rucksack richtig gepackt ist, sollte das Gewicht gut aufgehoben sein.

Tatsächlich sind Aussagen wie „Ein Rucksack darf maximal XX Kilo wiegen“ meiner Meinung nach nicht sinnvoll. Zu viele Faktoren spielen in das Gewicht rein:

• Was wiegen Rucksack und Schlafsack? Das waren bei mir die beiden größten Posten.
• Nehme ich Zelt und Kochgeschirr mit? Auch die müssen auf dem Rücken transportiert werden.
• Was brauche ich in dem Land, in dem ich unterwegs bin? Spätsommer auf dem Camino de la Costa heißt: viel Sonnenmilch, Herbst in Schottland: keine Sonnenmilch, dafür aber Handschuhe.
• Was muss ich mitnehmen? Vieles hängt vom persönlichen Bedarf ab. Am wichtigsten sind natürlich Medikamente, aber auch andere Dinge müssen im Zweifelsfall mit. So trage ich Kontaktlinsen und brauche nicht nur die Pflegemittel, sondern muss auch meine Brille mitnehmen. Alles zusammen etwa 400 Gramm – die jemand, der nicht so blind ist wie ich, nicht durch die Gegend tragen muss. Frauen brauchen mehr Hygieneartikel als Männer und da rede ich nicht von Lidschatten und Mascara, sondern von Tampons und Binden (ca. 30 Gramm).
• Was will ich mitnehmen? Auf manche Dinge will ich unterwegs vielleicht nicht verzichten. So kommen bei mir immer Stift und Notizbuch auf die Packliste, um ein Reisetagebuch zu führen (ca. 90 Gramm). Auch habe ich immer ein kleines, aber starkes Fernglas dabei.

Wie lässt sich etwas Gewicht sparen?

Dennoch ist es natürlich sinnvoll, auf das Gewicht zu achten. Die Grammzahlen bei einzelnen Posten zeigen ja, dass ich schon bewusst damit umgegangen bin. Und es lässt sich viel Gewicht einsparen!

Mit einem möglichst leichten Rucksack sind auch beschwerliche Wege zu schaffen. © Outdoortraum

• Nichts Überflüssiges mitnehmen. Das versteht sich, oder? Mein Ziel beim Packen war es, jedes Teil, das ich eingepackt hatte, auch zu gebrauchen. Und das ist mir gelungen. Sogar der Notfallschnürsenkel, den ich eingepackt hatte, kam zum Einsatz.
• Möglichst viel mitnehmen, was mehrere Funktionen erfüllen kann. Der Schnürsenkel ist ein gutes Beispiel: Der ließ sich als alles Mögliche nutzen: als Ersatzgürtel, als Wäscheleine, als Befestigung für Dinge, die ich irgendwo anbändeln wollte …
• Von zwei Dingen die leichtere Alternative wählen. Auch klar! Allerdings gilt es hier, kreativ zu sein und Alternativen zu suchen. Wäscheklammern? Sind vergleichsweise schwer und lassen sich gut durch Sicherheitsnadeln ersetzen, die ohnehin unglaublich praktisch sind. Waschmittel in der Tube, Duschgel und Shampoo? Enthalten viel Wasser und bringen dadurch überflüssiges Gewicht mit. Ich habe immer reine Kernseife dabei, die ich für alles einsetze: Klamotten, Haare, Körper. Meine Haut liebt sie und meine Haare auch – auch wenn ich jeden Tag ein wenig mehr wie Struppi aussehe, weil die ganzen weich machenden Inhaltsstoffe fehlen. Das muss aber jeder selbst ausprobieren, ob er das verträgt. Handtücher braucht man, schnell trocknende Funktionstücher aber wiegen um einiges weniger und sind in Nullkommanix wieder einsatzbereit. Übrigens lohnt sich ein Besuch bei einem guten Ausstatter, denn viele Alltagsgegenstände bekommt man im Outdoor-Laden in leichteren, platzsparenden Alternativen.
• Je nachdem, wo man unterwegs ist, kann man Dinge, die sich verbrauchen, mehr oder weniger problemlos nachkaufen. Die Erstausstattung (z. B. mein Kontaktlinsenmittel) mitzunehmen ist sinnvoll.

Stramm unterwegs mit dem passenden Gewicht auf dem Rücken. © Outdoortraum

Ich fange schon immer Wochen vor einer Fernwanderung an, den Rucksackinhalt zusammenzustellen, wiege die unterschiedlichen Alternativen penibel aus und notiere mir die Alternativen mit ihrem Gewicht in einer vorläufigen Packliste. Ein paar Tage vor der Abreise gehe ich dann alles durch und entscheide, was tatsächlich mitkommen darf und was nicht.

Meine Packliste für den Camino de la Costa

So sah meine höchst individuelle Packliste für meine erste Fernwanderung aus:

• Rucksack mit Regenhülle
• Schlafsack
• Tragetasche zum Einkaufen (mit Kleidungsstücken ausgepolstert diente sie auch prima als Sitzkissen)
• Plastiktüten (unverzichtbar, um Ordnung im Rucksack zu halten)
• Wanderstöcke (die ich jedem nur empfehlen kann)
• wasserfeste Sandalen, die auch als Duschschlappen dienen können
• Wanderstiefel
• Ersatzschnürband
• Regenjacke
• Regenhose
• regenfeste Gamaschen
• zwei Trekkinghosen mit abzippbarem Bein
• zwei Trekkingblusen oder -shirts
• Fleecejacke mit Kapuze
• Gürtel
• Halstuch
• zwei Slips
• zwei BHs
• T-Shirt für die Nacht
• drei Paar Wandersocken
• Bikini
• Kernseife mit Seifendose
• zwei Handtücher
• Waschlappen
• Geschirrtuch
• Handy mit Ladegerät und Hülle
• Kamera mit Ladegerät und Hülle
• Taschenlampe
• Löffel, Gabel, Messer
• Becher
• Personalausweis und Tickets
• Portemonnaie
• Notfallausweis
• Versichertenkarte
• Kreditkarte und Geld
• Wanderführer und Pilgerpass
• Notizbuch und Stift
• kleines Spanischwörterbuch
• kleines Erste-Hilfe-Set
• Kosmetiktasche
• kleine Bürste
• Kamm
• Haargummi und -klammern
• Sicherheitsnadeln
• Schweizer Taschenmesser
• Brille mit Etui
• Sonnenbrille mit Etui und Brillentuch
• Desinfektionstücher
• Sonnenmilch LSF 30
• Sonnencreme LSF 50
• Fußcreme
• Gesichtscreme
• Handcreme
• Lotion
• Wattestäbchen
• etwas Toilettenpapier
• Ohropax (braucht jeder, der in Herbergen übernachtet)
• Mundwasser
• Zahnpasta und Zahnseide
• Zahnbürste mit Hülle
• Deo
• Blasenpflaster
• Nagelfeile, Nagelschere und Nagelstift
• Lippenstift mit LSF 50
• Lippenpflegestift
• Schmerztabletten
• Kontaktlinsen-Aufbewahrung
• Kontaktlinsen-Reiniger
• Uhr
• Taschentücher
• Tampons
• Reisenähset
• Fernglas

Eine gut durchdachte Packliste bewahrt vor unnötigem Ballast im Rucksack. © Outdoortraum

Diese Packliste ist schon etwas älter und heute würde ich in Teilen etwas anders packen. So lohnt sich bestimmt eine Recherche, ob es mittlerweile eine App als Alternative zum Wanderführer gibt. Für das Wörterbuch gibt es die sogar ganz sicher. Auch die Blasenpflaster würde ich nicht wieder mitnehmen, ich komme mit ganz normalen Pflastern besser zurecht. Und ja: Ich hatte auch Mascara, Lidschatten und Puder dabei. Auf die paar Gramm mehr kam es nicht an. Denn das habe ich auf den Fernwanderwegen gelernt: Wenn man nicht übertreibt, ist Gewicht auf dem Rücken kein Problem.


Ich bedanke mich bei Cordula Natusch für diesen tollen Beitrag, den sie mir im Rahmen der Blogwichtelei geschenkt hat, die unser gemeinsames Netzwerk Texttreff alljährlich veranstaltet. Cordula schreibt auf ihrem Blog Abseits der Pfade über ihre Entdeckungen in Hamburg und Norddeutschland. Beitragsbild: © Rainer Sturm_pixelio.de

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#FreitagsFrage: Wohnmobil kaufen oder nicht?

Wohnmobilstellplatz

Ewa und ihr Mann möchten sich ein Wohnmobil kaufen. Um herauszufinden, ob die damit verbundene Art Urlaub zu ihnen passt, mieten sie sich ein Womo und fahren damit in die Bretagne. Nach zwei Wochen Urlaub fragt Ewa besorgt: „Sollen wir uns wirklich ein Wohnmobil kaufen?“ Bisher sind die zwei meistens in ein Hotel gefahren. Für die 50.000 Euro, die Ewa und ihr Mann für ein Wohnmobil ausgeben würden, kann man viele Nächte in komfortablen Hotelzimmern verbringen.

Natürlich kann ich Ewas Frage nicht für sie beantworten. Aber ich kann ihr ein paar Gedankenanstöße geben, die ihr und allen, die vor der gleichen Entscheidung stehen, vielleicht weiterhelfen.

Keine Frage des Sparens

Meines Erachtens ist der Kauf eines Wohnmobils nicht in erster Linie getrieben vom Wunsch zu sparen. So ein komfortabel ausgestattetes Reisegefährt muss man sich nämlich erst mal leisten können. Preise von 50.000 Euro sind da keine Seltenheit. Leicht kann man noch viel mehr Geld ausgeben. Auf den Straßen bewegen sich mitunter fahrbare Unterkünfte für deren Gegenwert sich andere in manchen Gegenden Deutschlands eine Wohnung kaufen.

So ein Wohnmobil kaufen?
Wer sich so ein Wohnmobil kaufen möchte, muss schon etwas tiefer in die Tasche greifen. © Outdoortraum

Ausgebaute Camper sind da sehr viel günstiger, haben aber auch weniger Funktionen. Wenn man also überlegt, ob man mit Wohnmobil-Urlaub Geld sparen kann, ist die Antwort eventuell: „Nein.“ Abhängig davon, wie man sonst verreist, geht es sicher billiger.

Zuhause auf vier Rädern

Egal, ob Wohnmobil oder Camper: Eines hat das Gefährt zu bieten, womit kein Hotelzimmer dienen kann. Es ist das eigene Zuhause auf vier Rädern. Im Womo schlaft ihr im eigenen Bett, habt eure persönlichen Dinge dabei und könnt schnell an eure Essensvorräte, wenn euch danach ist.

Camper
Ein Camper ist meist günstiger als ein Wohnmobil. © Outdoortraum

Die große Freiheit?

Seit dem VW Bulli stehen Wohnmobile für die große Freiheit. Parken, wo es schön ist, bleiben, wo man möchte. Stimmt das auch? Leider nein. In vielen europäischen Ländern ist es nicht erlaubt, überall zu campen. Oft stehen an Parkplätzen Verbotsschilder. Zwar ist es häufig gestattet zu parken, um die Fahrtüchtigkeit wiederherzustellen. Das darf dann aber nicht wie Camping aussehen. Stühle vor dem Bus sind also tabu. Richtig entspannend ist das nicht.

Stattdessen sind oft Wohnmobilstellplätze eingerichtet. Manchmal sind die schön. Sehr häufig handelt es sich aber um hässliche Asphaltflächen ohne Baum und Strauch. Die große Freiheit sieht für mich anders aus.

Stellplatz fürs Wohnmobil
Dieser Stellplatz für Wohnmobile ist von der hübscheren Sorte. © Outdoortraum

Es lohnt sich aber, nach Wanderparkplätzen Ausschau zu halten. Sehr oft ist es erlaubt, dort im Wohnmobil zu übernachten. Selbstverständlich nur, wenn man sich entsprechend rücksichtsvoll verhält, den Müll mitnimmt und die Chemietoilette nicht in die Büsche leert.

Ansonsten bleibt noch der Campingplatz. Die romantische Vorstellung von der großen Freiheit ist in der Realität also etwas gebeutelt.

Flexibel unterwegs

Einen Vorteil gibt es bei Wohnmobilen im Vergleich zu Urlauben, die mit Buchungen verbunden sind: In der Regel findet man auf Campingplätzen einen Stellplatz wenigstens für eine Nacht. Falls es mal sehr voll ist, kann man die anderen Stellplätze in der Umgebung abklappern. Im Notfall weicht man auf die oben beschriebenen Übernachtungsmöglichkeiten aus. Das heißt: Ihr müsst nicht buchen und könnt jederzeit spontan entscheiden, wo ihr hinfahren wollt. Sollte das Wetter euch einen Strich durch die Rechnung machen, packt ihr einfach eure Siebensachen und fahrt weiter. Unschlagbar!

Wohnmobil im Grünen
© Outdoortraum

Warum ein Wohnmobil kaufen?

Wer sich für ein Wohnmobil entscheidet, wählt damit einen Lebensstil. Letztlich ist Urlaub im Womo eine Art Camping, wenn auch luxuriöser als die Zeltvariante. Camping bedeutet immer Einfachheit, Beschränkung aufs Wesentliche und Naturnähe. Wer das mag, der liebt Camping.

Wohnmobile lassen etwas mehr Komfort zu, sind aber nie so luxuriös wie ein Hotel. Dafür ist man im Hotel aber auch nie so nah in der Natur.

Gretchenfrage

Die Gretchenfrage bei der Entscheidung für oder gegen ein Wohnmobil ist also in erster Linie: Bist du Camper? Wenn nein, dann kaufe lieber keines. Vielleicht leihst du dir stattdessen alle paar Jahre mal eines. Wenn du Camping aber magst, dann könnte ein Wohnmobil etwas für dich sein. Da kannst du auf die Suche nach einem Modell gehen, das genau zu dir passt. Viel Glück und gute Entscheidung!


Vielen Dank an Ewa J. für diese Frage. Habt ihr auch eine Frage zu irgendeinem Outdoor-Thema? Dann immer her damit! Hinterlasst hier einen Kommentar oder schreibt eine Mail an info@outdoortraum.de!

#FreitagsFrage: Welche Kleidung beim Wandern tragen?

Wanderung im Wilden Kaiser

Wenn ihr eine Wanderung plant, ist die richtige Bekleidung für unterwegs wichtig. Dann macht die Tour Spaß und ihr seid – je nach Strecke – weniger abhängig vom Wetter. Was gehört also in den Rucksack und was an den Körper? Welche Kleidung beim Wandern tragen?

Am wichtigsten: Wanderschuhe

Wenn ihr nicht gerade zur Spezies der Barfuß- oder Nacktwanderer gehört, sind gute Wanderschuhe für euch unerlässlich. (Ich habe allerdings gehört, dass es Schuhe tragende Nacktwanderer gibt. Ich weiß allerdings nicht, wie das die Community sieht.) Der Markt an Wander-, Trekking- und Bergschuhen ist riesig. Die Modelle sind dabei oft nicht ganz billig. Zwei gute Gründe, sich im Fachhandel beraten zu lassen, wo es meist sogar kleine Teststrecken gibt. Die gute Nachricht: Wenn ihr das richtige Modell gefunden habt, lohnt sich die Investition. Mit ein wenig Pflege halten die Schuhe oft mehrere Jahre.

Nasse Wanderschuhe
Wenn ihr in einen richtigen Guss kommt, hält selbst die beste Imprägnierung nicht mehr stand. Da hilft nur: Schuhe gut trocknen, säubern und neu imprägnieren! © Outdoortraum

Entscheidend bei der Wahl ist vor allem die Passform am Fuß. Das müsst ihr einfach ausprobieren. Oft dürft ihr die Schuhe sogar mit nach Hause nehmen und dort ein wenig zur Probe tragen. Oder ihr habt eine kulante Rückgaberegelung. Fragt ruhig danach! Der gute Sitz ist zu wichtig und lässt sich mit Gewissheit erst nach einer Weile feststellen. Im Laden solltet ihr auf jeden Fall beim Anprobieren schon mal Wandersocken anziehen und dann noch ein bisschen Spiel einkalkulieren. Denn mit der Zeit schwellen die Füße an. Ist der Schuh dann zu eng, gibt’s Blasen.

Neben der Passform solltet ihr eine ungefähre Vorstellung vom Einsatzgebiet und der Witterung mitbringen. Geht ihr ein bisschen im Wald spazieren? Plant ihr eine Tagestour im hügeligen Mittelgebirge? Geht’s steil bergan in den Alpen? Oder wollt ihr womöglich in einer Mehrtagestour Gletscher überqueren? Seid ihr Schönwetterwanderer oder ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihr durch den Schnee stapft? Braucht ihr für eure Steigeisen eine Befestigungsmöglichkeit?

Für all diese Einsatzgebiete gibt es Schuhe. Natürlich gibt es auch Schnittmengen zwischen den Modellen. Ihr müsst euch also nicht 20 Paar Schuhe kaufen, auch wenn das den Verkäufer sicher freuen würde. Deshalb ist es jedenfalls sinnvoll, vorher zu wissen, was ihr mit dem Schuh schwerpunktmäßig vorhabt.

Socken

Habt ihr euch erfolgreich für einen Schuh entschieden, kommt die nächste Lage am Fuß: die Socken. Am wichtigsten hier ist, dass sich keine Blasen am Fuß bilden.

So entstehen Blasen:
• Der Schuh drückt.
• Der Strumpf sitzt nicht richtig und schlägt Falten, die drücken.
• Die Socke hat dicke Nähte, die scheuern.
• Euch ist zu warm im Schuh und ihr schwitzt am Fuß. Die feuchte Haut ist empfindlich gegen Druck und Reibung.

Gegen den drückenden Schuh habt ihr euch mit der sorgfältigen Wahl eures Modells gewappnet. Gegen zu warme Füße könnt ihr auf atmungsaktive Schuhe achten. Im Sommer und bei Tageswanderungen genügen vielleicht sogar Schuhe mit Obermaterial aus Mesh, statt aus Leder. Einen Testbericht über leichte Trekking-Schuhe gibt’s hier.

Bei den Socken könnt ihr ebenfalls auf atmungsaktives Material achten. Viele gute Wandersocken haben das bereits. Ich empfehle ohnehin, nicht irgendwelche Socken zu tragen, sondern stets zu Wandersocken zu greifen. Meistens haben die keine Nähte, die drücken könnten. Dann sind sie oft an der Ferse und den Zehen gepolstert, also dort, wo besonders leicht Druckstellen entstehen. Und in der Regel sitzen sie fest am Fuß, sodass sie nicht verrutschen und keine Falten schlagen. Den Hauptursachen für Blasen habt ihr mit Wandersocken also schon vorgebeugt.

Hose

Die Beinkleider sind wohl Geschmackssache. Ich finde Trekking-Hosen praktisch, deren Beine man abnehmen kann. Im Sommer habe ich so die Shorts nämlich schon dabei und so ein Kleidungsstück gespart. Im Winter ist das natürlich hinfällig.

In Jeans solltet ihr lieber nicht wandern gehen. Geht natürlich auch. Kommt ihr aber in einen Regenguss, dauert es ewig, bis die Jeans trocken ist. Wird es unvorhergesehen warm, schwitzt ihr in den dicken Hosen, und wenn ihr länger unterwegs seid, bekommt ihr die Jeans unterwegs auch nicht gut sauber. Meiner Meinung nach sind Jeans einfach nicht die richtige Kleidung beim Wandern.

Wandergruppe
Trekking-Hosen sind als Kleidung beim Wandern sehr beliebt. © Erich Keppler_pixelio.de

Die wichtigsten Vorteile von Trekking-Hosen:
• Sie sind oft atmungsaktiv.
• Sie sind meistens aus leicht zu trocknendem Stoff.
• Sie sind oft Schmutz abweisend.
• Sie sind leicht und haben ein kleines Packmaß. Eine Ersatzhose bei längeren Wanderungen könnte also noch in den Rucksack passen.

Oberteile beim Wandern

Da ihr wahrscheinlich mit Rucksack wandert, solltest ihr etwas tragen, was die Schultern bedeckt. Ihr vermeidet so Scheuerstellen und ihr schwitzt die Rucksackträger nicht so voll. Ich persönlich bin T-Shirt-Fan. Es hat aber einen Grund, warum so viele Trekking-Hemden angeboten werden. Auch wenn man nicht so auf das scheinbar unausweichliche Karomuster steht, haben die einen wichtigen Vorteil: Sie sind luftiger als T-Shirts. Offen getragen dienen sie als dünne Jacke, wenn das T-Shirt allein zu kühl ist. Drittens sind viele Trekking-Hemden ebenfalls aus atmungsaktivem Stoff. Damit kann das lieb gewonnene Baumwoll-T-Shirt nicht dienen.

Egal, wofür ihr euch entscheidet, denkt daran: Ihr werdet schwitzen. Sucht euch deshalb etwas aus, was auch in feuchtem Zustand noch halbwegs angenehm zu tragen ist. Funktionsoberteile sind da meiner Meinung nach unschlagbar. Sie sind atmungsaktiv und trocknen schnell. Dabei halten sie trotzdem warm. In den Pausen müsst ihr die kühle Brise also nicht so sehr fürchten wie im T-Shirt. Für obenrum fällt die Wahl bei der Kleidung beim Wandern also eindeutig auf Funktionsshirts.

Kleidung beim Wandern
Funktionskleidung am besten auf jeder Schicht tragen! © Outdoortraum

Unterwäsche

Eins wird oft vergessen: Funktionsoberbekleidung kann ihre Vorteile nur ausspielen, wenn ihr auch Funktionsunterbekleidung tragt. Habt ihr euch also bei Hose und Oberteil für die Funktionsvariante entscheiden, solltet ihr auch Funktionsunterwäsche anziehen (so ihr die tragt). Im Sommer ist das vielleicht nicht so relevant, weil ihr unter dem Hemd und der Hose nichts weiter tragt. (Die Unterhose und den BH bei den Frauen zähle ich mal nicht mit.)

Seid ihr in der kälteren Jahreszeit unterwegs, wird das Thema schon relevanter. Da könnt ihr als Kleidung beim Wandern entweder eine wärmere Hose mitnehmen, die auch eine Thermofunktion hat. Oder ihr tragt zusätzlich eine lange Unterhose. Und die sollte dann möglichst auch atmungsaktiv sein. Das gleiche gilt für das Oberteil.

Im Rucksack

Jetzt seid ihr angezogen und abmarschbereit. Im Rucksack habt ihr Wasser und Proviant und das Wetter sieht gut aus.

Zwei Sachen tue ich trotzdem immer in meinen Rucksack:
• Halstuch (wärmt, kann als Decke oder Kopfschutz dienen)
• Regenjacke

Im Winter ergänze ich das um:
• Mütze
• Handschuhe
• Regenhose (Regen- oder Schneefall ist üblich und die leichte Hose schützt euch, ohne zu behindern.)

Regenkleidung
Regensachen sind leicht und gut zu verstauen. Sie sollten deshalb Platz im Rucksack finden. © Outdoortraum

Zusätzlich lohnt es sich, Gamaschen dabei zu haben. Die sind sehr klein und leicht, machen das Leben aber angenehm. Die gibt es für die Schuhe – sehr tolle Erfindung! Denn kommt ihr mal in so einen richtigen Wolkenbruch oder ihr müsst stundenlang durch feuchte Wiesen marschieren, dann gibt auch die beste Imprägnierung irgendwann nach. Mit den Gamaschen für die Schuhe schützt ihr eure Füße zusätzlich vor Nässe und habt vielleicht das Glück, am nächsten Morgen in trockene Schuhe steigen zu können.

Es gibt noch Gamaschen, die man an den Unterschenkeln trägt. Die sind vor allem in taunassen Wiesen sinnvoll. Der Vorteil zur Regenhose ist, dass ihr nicht bis zum Bauch in der Plastikhaut steckt. Da diese Gamaschen ebenfalls sehr klein und leicht sind, finden sie vielleicht noch ein Plätzchen bei euch.

Was habt ihr für Erfahrungen? Auf welche Kleidung beim Wandern könnt ihr nicht verzichten, wenn ihr unterwegs seid?


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#FreitagsFrage: Wie den Rucksack richtig packen?

Tagesrucksack für kleine Wanderungen

Kennt ihr das? Beim Anprobieren fühlte sich der Rucksack noch ganz leicht an. Doch auf der Wanderung wird die Last immer schwerer und ich könnt die Pausen kaum abwarten. Dabei hattet ihr euch so auf die Tour gefreut! Klarer Fall: Eure Last ist zu schwer. Das lässt sich vermeiden. Lest hier, worauf ihr achten solltet, wenn ihr das nächste Mal euren Rucksack richtig packen wollt.

Den passenden Rucksack wählen

Euer Rucksack sollte für euer Vorhaben die richtige Größe haben. Es lohnt sich, sich im Fachhandel beraten zu lassen. Immerhin kann die Vielfalt aus Tages-, Trekking-, Kletter- und Wanderrucksäcken schon ziemlich verwirren.

Als Richtwert kann man sagen, dass ihr für eine Tageswanderung nicht mehr als 20 Liter Volumen im Rucksack benötigt. Für eine mehrtägige Wanderung dürfen es gern 30 Liter sein.

Kleiner Rucksack
Für Tageswanderungen braucht man nur einen kleinen Rucksack. © Outdoortraum

Der Rucksack sollte groß genug sein, alles aufzunehmen, was ihr benötigt. Zwar lassen sich an den zahlreichen Schlaufen und Laschen viele Dinge befestigen. Das ist aber ziemlich unpraktisch. Im Zweifelsfall wählt lieber eine Nummer größer und zieht den Rucksack dann an den Seitenlaschen stramm, sodass die Last schön stabil im Rucksack sitzt.

Warum man nichts außen am Rucksack befestigen sollte:
• Der Rucksack wird dadurch sperriger.
• Die Last lässt sich so nicht gut gleichmäßig verteilen.
• Eventuell klappern und rascheln die Dinge, was auf Dauer ganz schön nervt.
• Die Sachen sind nicht vor Sonne, Staub und Regen geschützt.
• Ihr könnt an einem Zweig oder Felsen hängen bleiben und aus dem Gleichgewicht geraten.

Wandern im Regen
Auch im Regen kann man wandern. Gut, wenn dann alles im Rucksack verstaut ist und nichts nass wird. © Outdoortraum

Den Rucksack richtig einstellen

Auch hier möchte ich euch die Beratung im Fachhandel empfehlen. Dort können euch die Experten nämlich an eurem Wunschmodell genau zeigen, wie man den Rucksack richtig einstellt. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Rückenlänge stimmt, die Träger im richtigen Winkel auf euren Schultern aufsitzen und der Hüftgurt genau dort sitzt, nämlich auf der Hüfte – und nicht etwa um den Bauch!

Den Rucksack richtig packen

Ihr sitzt nun also mit eurem Rucksack vor eurem Stapel an Krempel, den ihr mitnehmen möchtet. Bevor ihr anfangt, alles in den Rucksack zu stopfen, fragt euch bitte: Brauche ich all diese Dinge dringend genug, um sie stundenlang bergauf durch die Hitze zu schleppen? Klingt vielleicht banal, aber ich wette, ihr legt etwas beiseite.

Schmaler Pfad in den Alpen
Hier möchte man nicht das Gleichgewicht verlieren. © Outdoortraum

Das verbleibende Zeug sortiert ihr nach Gewicht. Es genügt eine grobe Ordnung nach leicht, mittel und schwer. Dann packt ihr: Leichtes nach unten, Mittelschweres nach oben und das Schwere in die Mitte. Um euch eine Vorstellung zu geben, hier eine kurze Liste:

Leichtes Packgut:
• Daunenjacke
• Schlafsack
• Mütze …

Mittelschweres Packgut:
• Pulli
• Jeans
• Sneaker …

Schweres Packgut:
• Zelt
• schwere Schuhe
• Bücher …

Schweres nah an den Rücken

Besonders wichtig ist es, dass ihr die schweren Dinge möglichst nah am Rücken tragt. Andernfalls könnte euch der Rucksack nach hinten ziehen und euch aus dem Gleichgewicht bringen. Nah am Rücken meint, dass ihr die schweren Lasten auf Höhe der Schulterblätter bis etwa zur Rückenmitte verteilt. So drückt nichts auf den Nacken und die Last verteilt sich gleichmäßig.

Kletterrucksack
Könnt ihr den Rucksack richtig packen, haltet ihr auch in wackligen Passagen die Balance. © Outdoortraum

Flüssigkeiten transportieren

Flüssigkeiten im Rucksack sind ein wenig schwieriger, da sie oft nicht so leicht auszubalancieren sind. Besonders in halb leeren Flaschen schwappt das Wasser hin und her. Ich empfehle euch deshalb eine Trinkblase für euren Getränkevorrat auf der Wanderung. Die Blase ist lang und flach. Die meisten Wanderrucksäcke haben sogar ein Rückenfach dafür vorgesehen. Hier steckt ihr sie einfach rein. Sie verrutscht nicht und ist ideal aufgehoben. Den Wasserschlauch könnt ihr entweder durch ein dafür vorgesehenes Loch stecken oder durch die Rucksacköffnung führen. Unschlagbar: Ihr müsst keine Trinkpausen einlegen und nie mehr nach dem Wasser kramen! Solltet ihr andere Flüssigkeiten (etwa Brennspiritus für den Kocher) transportieren, ist ihr bester Platz im Rucksack außen mittig.

Mit einer Trinkblase kann man den Rucksack richtig packen
Wollt ihr den Rucksack richtig packen, ist eine Trinkblase unschlagbar praktisch. © Outdoortraum

Kleinkram

Leicht ist man versucht, das Deckelfach mit Sachen vollzustopfen, die noch übrig sind. Versucht, das zu vermeiden! In der Deckelklappe sind leichte Dinge am besten aufgehoben, die ihr öfter braucht. Das könnten Taschentücher sein oder die Wanderkarte und vielleicht ein Müsliriegel gegen den rapiden Energieverlust.

Konntet ihr so den Rucksack richtig packen, genießt ihr eure Wanderung oder Kletterfahrt und habt Freude an der Tour. Für weitere Entlastung beim Wandern sorgen übrigens Trekking-Stöcke. Wie man Trekking-Stöcke richtig einstellt, lest ihr hier. Viel Spaß auf eurer nächsten Tour!


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Im Test: Kletterschuh Drago von Scarpa

Grip

Bastian Schweinsteiger hat seine gesamte Profikarriere die Schienbeinschoner aus seiner Juniorenzeit getragen. Mario Gomez trug immerhin die letzten 16 Jahre dieselben. Thomas Müller konnte dem Zeugwart sogar die Beinschützer von Poldi abschwatzen. Gerd Müller, der Bomber der Nation, vertraute mit Schuhgröße 38 auf sein Lieblingspaar der Größe 41. Und nicht zuletzt kennen wir diverse Trainer, die nach siegreichem Durchgang wochen- und monatelang auf Pulli, Krawatte oder andere Kleidungsstücke vertrauen, net wahr, Jogi? Alles um ein wenig Fortune heraufzubeschwören!

Es kann nur einen geben. Oder?

Warum ich das alles erzähle? Ich fühle mich einfach besser mit meiner eigenen Marotte. Habe ich nämlich einmal ein Erfolg versprechendes Paar Kletterschuhe gefunden, muss ich dieses in fast manischer Art wieder und wieder kaufen – im festen Glauben, mein Klettererfolg, nein, mein Kletterleben hinge von diesem einem Modell ab. Als vor Jahren der Hersteller meines Leib-und-Magen-Modells dessen endgültiges Herstellungsende verkündete, sah ich damit auch mein Klettersportende gekommen. Das Geld für neue Kletterschuhe investierte ich folgerichtig in Boulekugeln und eine Flasche Wein und bereitete mich auf eine Karriere in der zweitschönsten französischen Nationalsportart vor. Doch dank eines Insidertipps („Pst, es gibt einen Schuh, der auf den gleichen Leisten hergestellt wird.“) fand ich eine vertretbare Alternative, die nun schon wieder viele Jahre meinen Fuß in der Vertikalen ziert.

Der Drago klettert nicht nur gut, er sieht auch noch toll aus dabei.

„Befreie dich von allen Zwängen!“, dachte ich wohl bei mir, als ich kürzlich meinen ganz nett bezahlten und sicheren Job kündigte, um nächsten Monat mit meiner Liebsten in den Bus zu steigen und auf unbestimmte Zeit Europas Vertikalwelt zu bereisen. „Befreie dich von all deinen Zwängen!“, dachte ich wohl auch, als ich letztes Wochenende im Shop eines Kölner Boulder-Ertüchtigungszentrums meinen Fuß in den Drago von Scarpa gleiten ließ.

Der Drago – zitronengelb und bananenkrumm

Meine bisherigen Kletterschuhe waren Pink, Braun, Ziegelsteinrot und Blau. Man kann also davon ausgehen, dass ich nicht allzu eitel in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild von Kletterschuhen bin. Trotzdem konnte ich mir, als ich den neuen „Drachen“ vom renommierten italienischen Schuhmacher entdeckte, ein leises „Geil!“ nicht verkneifen. Feuerrot und Zitronengelb und ein Krümmungsgrad weit über dem zulässigen für EU-Bananen (siehe Verordnung EG Nr. 2257/94) lassen auf den ersten Blick erahnen, dass der Drago ein echter Ferrari unter den Kletterschuhen ist.

Zitronengelber High-Performance-Schuh in der „Zitrone“.

Einmal reingeschlüpft saugt der Schuh meine Zehen, insbesondere den dicken Onkel, geradezu in die richtige Position. Sofort fällt auf, dass hier das zusammenkommt, was ich bei einem Kletterschuh suche. Gute Passform, eine starke Asymmetrie für steile, präzise Fußarbeit und eine butterweiche Sohle für das perfekte Gefühl auf noch so kleinen Tritten.

Faktencheck

Bei so viel Liebe auf den ersten Blick habe ich natürlich einmal ein paar Facts zu dieser High-End-Waffe gesammelt:

• Die Arbeitsseite des Drago besteht aus einer Sohle aus 3,5 Millimeter dickem „Vibram XS Grip 2“-Gummi.
• Ergänzt wird die Sohle durch eine flächige Gummierung auf der Oberseite, das Toepatch, für perfekte Hook-Performance.
• Ein weiches, elastisches Obermaterial aus Mikrofaser legt sich sockengleich an den Fuß.
• Die PCB-Tension-Konstruktion sorgt für Spannung vom Zeh bis zur Ferse. Das soll für mehr Präzision beim Antreten und ein niedrigeres Gewicht sorgen.
• Bei Größe 40 bringt der Schuh laut Hersteller 200 Gramm auf die Waage. Na, besser der Schuh nimmt ab, als dass ich abnehmen muss.
• Die Verklebungen der Einzelteile, die Nähte und die Passform sind auf höchstem Niveau. Schließlich wird bei Scarpa alles einzeln per Hand und in Italien zusammengebaut!

Aber kann dieser Schuh denn auch das, was ich von ihm erwarte? Kann er besser klettern als ich?

Mit dem Toepatch kann man sehr gut hooken.

Drago im Felsentest

Der erste Test fällt etwas ungewöhnlich aus. Nicht ein Tag im Projekt soll mir das neue Schuhwerk näher bringen, sondern ein Kletterkurs für Einsteiger, den ich als Ausbilder begleitete. Kein Gerolsteiner Dolomit, kein südfranzösischer Kalk, kein Traumsandstein aus Fontainebleau oder gar ein wenig Grit, nein Kiesel in der Nordeifel sind die erste große Herausforderung des frisch formierten Duetts Frank/Drago.

Reibungstest

Auch heißen unsere ersten Klettermeter nicht „Freundschaft“ oder „Parabolika“. Erst recht nicht „Carnage“ oder „Gaia“. Es ist das „Rechte Terrassenwändchen“ und der „Bananenweg“ mit denen wir es aufnehmen. Und das erfolgreich.

Als ich in den Schuh reinschlüpfe, sitzt dieser so bequem, fast schon gemütlich, dass ich kurz denke: „Der ist zu groß!“ Doch ganz im Gegenteil fühlen sich die ersten Klettermeter an, als hätte den Schuh schon jemand für mich eingeklettert. Perfekt sitzt mein großer Zeh in der Spitze. Die weiche Sohle erlaubt mir präzises Antreten auf den kleinsten Kieselchen. Auch auf der glatten Oberfläche dieser erbsen- bis kartoffelgroßen Steinchen habe ich vollstes Vertrauen in die Friktion der XS-Grip-2-Bereifung. Auf dem grobkörnigen Sandstein erst recht. Egal wie wenig Tritt da ist: Fuß drauf, Druck geben – hält.

Die PCB-Tension-Konstruktion sorgt für Spannung.

Präzisionstest

Und hält der Schuh denn auch, was er oder vielmehr Scarpa verspricht? Präzision und Perfektion in steilem Gelände?

In einer Pause pilgere ich rüber zum „Parabolika“-Block, einem überhängendem Boulderspot mitten im Gebiet. Dort teste ich das Antreten auf kleinsten Tritten, Heelhooks, Toehooks – das ganze Programm. Auch hier gibt es nichts zu Klagen. Der Schuh macht, was er soll. Er hält.
Der letzte Test ist der Gebietsklassiker: die „Zitrone“. Mit den zitronengelben Schlappen fliege ich nur so die leicht überhängende Wand mit ihren kleinen Leisten und noch kleineren Tritten empor.

Heelhook
Auch die Heelhooks sitzen.

Fazit

Was soll ich sagen: Der Drago klettert locker den 12. Grad. Nur nicht, wenn meine Füße drin stecken. Aber ich fühle mich in diesem Schuh pudelwohl. Mein liebstes Klettergelände ist steil bis megasteil. Und genau dort habe ich ein super Gefühl. Ich habe optimale Spannung im Fuß und dabei ein sehr gutes Empfinden für den Tritt. Anstatt meine Füße nur zu parken, kann ich mit dem Tritt arbeiten. Ziehen, drücken, hooken: Alles kein Problem für den Drago. Und trotz der weichen Sohle stehe ich auch auf kleinsten Käntchen stabil und sicher.

Mein Fazit lautet deshalb: Der Drago von Scarpa ist der neue Star an meinem Fuß. Zur Sicherheit besorge ich mir einen Vorrat, damit ich dem schönsten französischen Nationalsport noch viele Jahre treu bleiben kann.

Alle Bilder im Artikel: Karsten Althaus